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Internationales

Europa der Selbstverständlichkeiten

17th Mrz '15

Hallo, ich bin Julia! Ich wurde in Deutschland geboren und in der Schule wurde mir beigebracht, wie toll die Europäische Union ist. Die Europa Hymne finde ich um ehrlich zu sein auch schöner als unsere Nationalhymne.

 

Während des Studiums war ich sechs Monate mit Erasmus in Bologna. Der Flug hatte mit Eurowings nur ein paar Euro gekostet und über Wechselkursschwankungen hatte ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Wenn ich mal beim Feiern kein Bargeld mehr hatte und mir was leihen mussten, konnte ich das Geld bequem und kostenlos von meinem deutschen auf ein italienisches Konto innerhalb von maximal zwei Tagen SEPA überweisen. An Wochenenden haben wir ab und zu Trips in andere Länder gemacht. Ein Visum habe ich nicht gebraucht, Grenzkontrollen gab es auch nicht. Wozu auch? Soooo viel bringt es nicht, frisst aber unnötige Ressourcen auf. Wieder zurück in Deutschland wollte ich natürlich all meinen Freunden von den tollen Erlebnissen erzählen, aber spätestens beim zweiten Gespräch haben sie sich nur noch gelangweilt. Sie hatte alle selbst spannende Sachen in Schweden, Irland oder auf Zypern erlebt.

 

Jetzt arbeite ich als Investment Bankerin in einem deutschen multinationalen Konzern. Zwar wird hier Internationalität groß auf die Fahne geschrieben und sämtliche Emails auf Englisch verfasst, aber um ehrlich zu sein, haben Leute ohne Deutschkenntnisse hier kaum eine Chance. Ich weiß auch nicht, ob sie überhaupt eine Einstellung bekommen würden. Hoffentlich ändert es sich bald, denn wir haben echt Mangel an guten Leuten. Slowaken lernen z.B. in der Schule verpflichtend Englisch und nicht Deutsch. Damit fallen die meisten gut qualifizierten Slowaken schon allein wegen ihrer mangelnden Deutschkenntnissen leider aus dem Raster.

 

In meinem Interrail-Urlaub vor zwei Jahren habe ich eine tolle Französin kennen gelernt. Wir sind seitdem ein Paar. Sie ist sogar zu mir nach Deutschland gezogen. Als wir uns gegenseitig unseren Familien vorgestellt haben, hatte meine Oma ein Problem mit unserer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft. Ihr Opa kann immer noch nicht damit umgehen, dass ich Deutsche bin. Aber naja, so sind die alten Leute nunmal. Man muss sie einfach so hinnehmen wie sie sind – auch wenn sich die Welt schon längst weitergedreht hat. Unseren Eltern hat man am Anfang die leichte Anspannung angesehen, aber jetzt freuen sie sich einfach für uns, genauso wie alle unsere Freunde. Wie gut, dass ich in Europa im Gegensatz zu anderen Weltregionen nicht dafür ins Gefängnis komme, nur weil ich eine Frau liebe.

 

Ich interessiere mich sehr für Politik und schaue mir gerne Polit-Talkshows an. Immer wenn die Rede von der EU ist, kommt fast schon reflexartig der Tadel von älteren Leuten, dass die jungen Generationen die Errungenschaften der Europäischen Integration nicht zu schätzen wissen. Wenn es nach diesen Rednern gehen würde, dann müssten wir jeden Tag beim Aufwachen und wieder Einschlafen  demütig ehemaligen EU-Politikern für hart erkämpfte Privilegien wie gemeinsame Währung, freien Personen- und Warenverkehr, sowie Jahrzehnte langen Frieden danken.

 

Natürlich finde ich all diese Sachen toll und nicht selbstverständlich, aber sie sind für mich im Alltag genauso normal wie Strom, ein Autoführerschein und das Recht wählen zu gehen. Und das ist auch gut so! Ich bin froh, dass ich mich um diese Sachen nicht täglich neu kümmern muss. Damit habe ich die Zeit und Platz für neue Visionen, wie man die EU noch weiter entwickeln könnte. Wie wäre es z.B. mit einem EU Parlament, welches wirklich Rechte hat? Oder mit einem einheitlichen Steuersystem? Oder einer europäischen Armee? Oder sogar einer gemeinsamen außenpolitischen Stimme nach Außen? Ich hoffe, dass diese Sachen in einigen Jahrzehnten für neue Generationen genauso normal sein werden wie heute die gemeinsame Währung, freier Personen- und Warenverkehr, sowie Jahrzehnte langer Frieden. Dann kann ich nämlich auch mal die Jugend tadeln, dass sie die Errungenschaften der Europäischen Integration nicht zu schätzen wissen.

International Officer der Jungen Liberalen

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