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Innen & Recht

Von guten und bösen Drogen

16th Sep '15

In Deutschland rauchen fast 20 Millionen Menschen Zigaretten, ungefähr 9,5 Millionen Menschen haben einen kritischen Alkoholkonsum und sehr unterschiedlichen Schätzungen zufolge nehmen zwischen 660.000 und 4 Millionen Menschen Cannabis zu sich. Eines jedoch unterscheidet die letzte Gruppe von den ersten beiden: mit dem Besitz, Kauf oder Anbau von Cannabis macht man sich strafbar.

Die Bundesdrogenbeauftrage Marlene Mortler (CSU) hat eine sehr klare Haltung wenn es um die Legalisierung von Cannabis geht. Für sie ist eine Legalisierung „aus gesundheitlicher Sicht nicht zu verantworten.“ Sie weist richtigerweise daraufhin, dass ein regelmäßiger Konsum von Cannabis teilweise zu „erheblichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen, bis hin zu Psychosen und einer Abhängigkeit“ führen kann. Das ist korrekt, trifft aber auch auf Alkohol und Zigaretten zu, die sie offensichtlich nicht verbieten will.

Gemäß einer Studie von Prof. David Nutt und zwei Kollegen, die im renommierten, medizinischen Magazin The Lancet veröffentlicht wurde, ist zum Beispiel Alkohol sowohl in der gesundheitlichen, als auch in der gesellschaftlichen Dimension deutlich gefährlicher als Marihuana. Wenn es aber bei der Frage der Illegalität nicht um die Gefährlichkeit einer Droge geht, dann begeben wir uns auf das gefährliche Terrain der moralischen Urteile.

Um etwas über die Hintergründe der Legalität  der einen und der Illegalität von anderen Drogen zu erfahren, müssen wir in der Geschichte etwas weiter zurückgehen. Die Legalität von Drogen hat nämlich in erster Linie etwas mit ihren Konsumenten und der Sicht der Gesellschaft auf diese zu tun:

„Im späten 19. Jahrhundert, als die meisten heute illegalen Drogen noch legal waren, waren die Hauptkonsumenten von Opiaten in meinem [Anm. der Autorin: USA] und in anderen Ländern weiße Frauen mittleren Alters, die damit Schmerzen bekämpften als noch wenig andere Schmerzmittel verfügbar waren. Niemand dachte damals daran, dieses Verhalten zu kriminalisieren, denn wer wollte schon Großmutter hinter Gitter stecken. Aber als hunderttausende Chinesen in meinem Land auftauchten, hart auf den Eisenbahnstrecken und in den Mienen arbeiten und sich anschließend abends mit einer Opiumpfeife entspannten, das war der Zeitpunkt der ersten Drogenverbote in Kalifornien und Nevada, getrieben von der rassistischen Angst, dass Chinesen weiße Frauen zu opiumsüchtigen Sexsklaven machen würden. Die ersten Kokainverbote kamen ähnlich auf, ausgelöst durch die Angst vor schwarzen Männern, die weißes Puder schniefen und dabei ihren Platz in der Südstaatengesellschaft vergessen könnten. Und die ersten Prohibitionsgesetze für Marihuana: begründet in der Angst vor mexikanischen Einwanderern im Westen und Südwesten [der Vereinigten Staaten]. Und was in Amerika geschehen ist, gilt ebenso für viele andere Staaten.“
Ethan Nadelmann [aus dem Englischen übersetzt von mir]

Anders ausgedrückt: Wären die Hauptkonsumenten von Cannabis wohlhabende, ältere, weiße Männer und die Konsumenten von Viagra arme, junge, schwarze Männer, dann wäre es sehr einfach legal Cannabis zu bekommen und der Verkauf von Viagra würde dich für bis zu 15 Jahre hinter Gitter bringen.

Doch für Marlene Mortler geht es nicht nur um die gesundheitlichen Gefahren von Cannabis: „Ein weiterer Punkt spricht gegen eine Legalisierung: In der Drogenkonvention der Vereinten Nationen, darunter Deutschland und auch die USA, haben sich 184 Staaten verpflichtet, den Umgang mit Cannabis und anderen Drogen ausschließlich zu medizinischen oder wissenschaftlichen Zwecken zuzulassen.“ Davon abgesehen, dass das eine „es ist verboten weil es eben verboten ist“ Begründung ist, finde ich es besonders bemerkenswert, dass in dem einzigen anderen namentlich genannten Land, den USA, bereits vier Bundesstaaten Marihuana für Erwachsene legalisiert haben, sehr bindend scheint diese Konvention also nicht zu sein.

Ein viel gewichtigeres Argument ist das von Cannabis als Einstiegsdroge. Das wohl eindrücklichste Zeugnis dafür liefert das Buch „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in dem die Autorin und Protagonistin Christiane F. ihren Weg vom Joint im Jugendzentrum hin zum Straßenstrich auf der Suche nach Heroin zeichnet.

Es ist wahrscheinlich so, dass Menschen, die Marihuana rauchen mit größerer Wahrscheinlichkeit auch andere Drogen zu sich nehmen werden, als jene die kein Marihuana rauchen. Ich möchte aber bezweifeln, dass es an der Droge selbst liegt, sondern vielmehr daran, dass man bereits den ersten Schritt in die Illegalität getan hat. Drogennutzer zu bestrafen und teilweise sogar ins Gefängnis zu bringen verschlimmert dieses Problem eher, als dass es zur Verbesserung beiträgt.

Die Gesellschaft neigt dazu, Prohibition als die ultimative Form der Regulierung wahrzunehmen, stattdessen ist sie nichts weiter als ein Verzicht auf Regulierung, die der Kriminalität die Chance gibt, diese Lücke zu füllen.

Solange es eine Nachfrage nach Drogen gibt, wird es auch immer ein entsprechendes Angebot geben. Es liegt an uns, ob wir Menschen zwingen wollen, sich mit Drogenhändlern im Verborgenen zu treffen und so die Drogenkriminalität mitzufinanzieren oder ob wir unser Verantwortung gerecht werden und eine intelligente Regulierung und Besteuerung von Drogen schaffen, die am Ende nicht nur den Konsumenten, sondern auch der Gesellschaft nützt.

PS: Wer sich für das Thema interessiert, dem empfehle ich die TED Talks von Ethan Nadelmann und Rodrigo Canales über das Thema Drogenkriminalität, die viel Inspiration für diesen Beitrag geliefert haben. Für die weltpolitische Bühne sicherlich interessanter ist der Report der von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon gegründeten Global Commission on Drug Policy

Nathalie hat mit 26 bereits das ein oder andere Jahr in der Politik verbracht und prüft jetzt hauptberuflich Finanzinstitute.

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