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Gesellschaft

Wer hat Angst vor Frauen?

17th Mrz '16

Wir Frauen haben es nicht leicht. Wir sind unterrepräsentiert in Vorständen, in Parteien, im akademischen Personal. Wir verdienen immer noch durchschnittlich 22 % weniger als Männer, und das sogar teilweise bei gleicher Tätigkeit. Zwei Drittel unserer Arbeit leisten wir unbezahlt etwa für die Pflege von Angehörigen, Kindererziehung oder Haushalt. Dabei sind wir in Deutschland mittlerweile rechtlich gleichgestellt, sogar von Verfassung wegen. Also: Hallo? In welchem Jahrhundert sind denn dann Arbeitgeber, DAX-Vorstände und der Rest der Gesellschaft stecken geblieben?

Wenn ich mir meine eigene Situation ansehe, muss ich aber schon einräumen, dass es mir ja gar nicht so schlecht geht. Ich bin wie meine Brüder aufs Gymnasium gegangen, durfte als eine von 30 % Frauen an meiner Hochschule studieren, bin als eine von drei Frauen im Bundesvorstand einer männerdominierten politischen Jugendorganisation und nur ganz selten hatte ich den Eindruck, dass meine Meinung bei jemandem weniger zählt, weil ich Brüste habe. Ja, eigentlich habe ich es geschafft. Ich könnte also sagen: Seht her, Frauen, wenn Ihr wollt, dann könnt Ihr! Hört auf Euch zu beklagen, in Selbstmitleid zu versinken, macht Euch nicht zu Opfern. Ihr seid stark. Ihr müsst es nur wollen.

Aber nicht alle schaffen es. Und warum? Erstens muss ich anerkennen, dass ich privilegiert bin. Ich bin in Deutschland geboren, bin weiß, meine Eltern haben auf meine Bildung genauso viel Wert gelegt, wie auf die meiner Brüder, mich in die Musikfrüherziehung und aufs Gymnasium geschickt. Dank Ihrer finanziellen Unterstützung konnte ich an einer hervorragenden privaten Hochschule studieren, ein Auslandssemester machen und so weiter.

Zweitens geht es nicht nur um mich. Einzelne Frauen haben es schon immer irgendwie geschafft: Zu studieren, sich auszusuchen wen und ob sie heiraten, den Physik-Nobelpreis zu erhalten, Pilotin zu werden, Vorstandsvorsitzende oder Bundeskanzlerin. Ist es damit geschafft? Unser Ziel muss doch sein, allen Frauen diese Möglichkeiten zu geben, zumindest wenn sie wollen und können. So wie bei Männern eben auch. Kann ja auch nicht jeder Mann Bundeskanzler sein.

Aber auf unseren Nacken tragen wir eine Tradition, die sich tief in unser Rückenmark eingegraben hat: Jahrhunderte lang beherrschten Männer das öffentliche Leben, bestimmten, was Frauen dürfen und was nicht. Das Geschlecht wurde dazu benutzt, Frauen in ihren Rechten einzuschränken. Meistens lief dies darauf hinaus, dass Frauen zu Hause blieben, sich um Kind und Haushalt kümmerten, während die Männer Politik und Wirtschaft, Kirche und Wissenschaft gestalteten. Sich dieses Bild abzugewöhnen ist gar nicht so leicht, wir kennen es ja kaum anders. Noch keine 100 Jahre dürfen wir wählen, erst seit 1997 ist Vergewaltigung in der Ehe strafbar und das Förderungsgebot zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen ist seit 1994 im Grundgesetz verankert. Wen wundert es da, dass es sich noch nicht an allen Ecken durchgesetzt hat, dass Frauen und Männer (rechtlich) gleichgestellt sind. Und wieso sollten sich auch die Gewinner dieser patriarchalischen Ordnung freiwillig auf ihre althergebrachten Privilegien verzichten? In unterschiedlicher Ausprägung und Maß finden wir eine strukturelle Ungleichbehandlung, die sich mal als systematische Unterdrückung und Kleinhaltung, als Herabwürdigung als Sexobjekt oder auch „nur“ als mangelnder Respekt ausdrückt.

Andererseits haben wir in diesen 100 Jahren so viel erreicht. Müssen wir nicht einfach abwarten? Irgendwann wird schon alles gut. Wenn die alten, weißen Machos erst einmal ausgestorben sind und ganze Generationen von emanzipierten Frauen erzogen wurden, werden wir irgendwann bei Jobvergabe und Gehalt keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen ausmachen können. Dann wird nur noch Qualifikation zählen.

Aber wie erkläre ich es meiner Tochter, wenn sie irgendwann an die gleichen gläsernen Decken stößt, wie Generationen vor ihr? Wer sagt uns denn, dass es wirklich besser wird? Unsere Gleichberechtigung mussten wir uns erkämpfen. Und wer kämpft denn für uns, für die heutige und zukünftige Generation von Frauen, wenn nicht wir? Wer streitet denn für die heutigen Ziele des Feminismus, wenn nicht wir? Ich will, dass meine Tochter einmal mehr Freiheit hat als ich. Und dafür kämpfe ich. Etwa gegen sexuelle und sexualisierte Gewalt, gegen Sexismus, gegen ungleiche Bezahlung, aber auch gegen Ehegattensplitting, Betreuungsgeld, für 24-Stunden-Kitas, anonyme Bewerbung und gesellschaftliche Gleichstellung. Will ich deshalb, dass alle Frauen in Vollzeit arbeiten und Vorstandsposten anstreben? Sind die Hausfrauen gar die Verräterinnen des Feminismus? Es geht um Wahlfreiheit. Weniger Bevormundung, nicht mehr.

Aber das heißt auch: Freiheit von dem gesellschaftlichen Rollenbild, dass nicht nur Männer eingeimpft ist, sondern auch uns Frauen. Das jahrhundertelange Mantra der Hausfrau und liebevollen Mutter und des starken Mannes ist auch unseres und bestimmt unser Denken und Handeln.

Und genau deshalb haben wir Frauen es nicht leicht: Wir haben nicht nur eine strukturelles Benachteiligung zu unseren Lasten, ein patriarchalisches Gesellschaftssystem, das von Männern dominiert wird, die uns eher als Gebärmaschinen oder Symbol körperlicher Befriedigung ( „Danke Frauen, dass ihr uns Männer so glücklich macht, uh“) sehen denn als Chefin, Expertin, Erfinderin. Häufig sind es auch andere Frauen, gegen die man sich zur Wehr setzen muss.

Müssen Frauen für Frauenrechte einstehen? Nein, genauso wenig wie Männer. Und genauso viel. Sollten wir denn Frauen bevorzugen? Nein, denn dann wären wir ja genauso schlecht wie die Männer. Und wir wollen ja Gleichberechtigung.

Aber begehen wir damit nicht einen Fehler? Denn wer wird uns helfen, wenn nicht wir? Wenn wir jetzt mit der Begründung der Gleichbehandlung, der erreichten Ziele und grundrechtlichen Gleichberechtigung Frauenförderprogramme, Girls Days und Frauenquote ablehnen, dann tun wir so, als wären wir schon gleichgestellt. Eine tatsächliche, materielle, gesellschaftliche Gleichstellung muss aber erst erreicht werden. Wir halten uns selber für stark halten und wollen uns nicht in eine Opferrolle drängen lassen. Und wir sind stark. Aber das muss auch jeder da draußen endlich begreifen.

Deshalb sollten wir erstens damit aufhören, unsere Energie darauf zu verschwenden, jede Form von Frauenförderung systematisch und grundsätzlich abzulehnen. Zum Beispiel Quoten, oder eine Arbeitsgruppe „Wie schaffen wir es, dass sich mehr Frauen in der Politik engagieren?“. Warum werden alle hysterisch, wenn jemand TeilnehmerInnen oder Schüler*innen schreibt? Findest du doof? Dann mach’s halt anders und beruhige dich. Weniger Wut, mehr Sachlichkeit. Mehr erwarte ich erst mal nicht.

Und zweitens: Lohnt es sich vielleicht mal darüber nachzudenken, ob es nicht wirklich diese strukturelle Benachteiligung von Frauen gibt? Die wir vielleicht selber gar nicht erlebt haben, etwa weil wir noch jung sind oder weil wir privilegiert sind, vielleicht hatten wir einfach Glück. Trotzdem lohnt es sich diese Benachteiligung zu bekämpfen. Für die Frauen, die sie erlebt haben. Aber auch für uns selber und unsere Töchter und Enkeltöchter.

Lasst uns endlich anfangen zu überlegen, wie wir mehr Frauen ansprechen, wie wir sie fördern können, lasst uns Konzepte entwickeln und ausprobieren.

Für uns sollte zumindest klar sein: Wenn wir Frauen fördern können, sollten wir es tun. Wir sollten Frauen so behandeln, wie wir behandelt werden wollen. Und vielleicht sogar ein bisschen netter. Es ist unsere Zeit gemeinsam aufzustehen. Und nicht die, uns gegenseitig im Weg zu stehen.

Ria ist 24, Juristin und Studentin der Kunstgeschichte - verbringt die meiste Zeit dennoch mit Politik u.a. als Stellvertretende Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen.

Comments

  • Rainer Seiferth
    Posted at 1:09 1. Februar 2017
    Rainer Seiferth
    Antworten Author

    Absolut einverstanden. Nichts ist gut, auch wenn in den vergangenen Jahrzehnten schon viel erstritten und erreicht wurde, was heute vielen Frauen, aber auch Männern, zu Gute kommt. Männern auch deshalb, weil übernommene oder aufgedrängte Rollenbilder auch Männer in ihrer eigenen Entwicklung und in einem fairen und damit für alle erfreulichen Verhältnis zu Frauen einschränken. Ich freue mich über alle Frauen, ganz besonders über die jungen, die sich in allen demokratischen Parteien, Gewerkschaften, Kirchen und in anderen Institutionen auf die Ochsentour begeben, die faktische Gleichstellung von Frauen voranzutreiben. Es geht um Gerechtigkeit, um nichts weniger. Das ist richtig Arbeit, dicke Bretter bohren eben, mühsam und wenig bis gar kein Lohn dafür. Schon alleine das bisher Erreichte zu halten erfordert Einsatz, aber auch die Einsicht derer, die scheinbar etwas zu verlieren haben. Der Schlüssel zur faktischen Gleichstellung ist Bildung, in den reichen Ländern und noch viel mehr in den armen Ländern. Gegen Quoten, Quoren und systematischer Förderung von Frauen und Mädchen in Bildung, Beruf und Politik gibt es keine vernünftigen Argumente, sondern nur abgestandene und miese Ressentiments. Lasst Euch nicht klein halten. Und Danke an Ria für den hervorragenden Artikel.

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