Die Programmatikerinnen


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Gesellschaft

Raus aus der Komfortzone!

16th Mai '16

Die Hektik des modernen Zeitgeschehens gleicht – besonders auf Social Media – einem vollkommen erratischen Puls. Warum also sollte es der Entwicklung des modernen Feminismus anders gehen? Die Bewegung strömt in alle Richtungen: Es gibt einerseits breit gefächerte Social Media Kampagnen wie #aufschrei, die je nach Nachrichtenlage kommen und gehen. Auf globaler Ebene wirbt Emma Watson mit ihrer #HeForShe Kampagne ganz pragmatisch dafür, auch Männern den Feminismus näher zu bringen. Dem gegenüber steht der alte Kampf-Feminismus von Alice Schwarzer bis hin zu denjenigen, die sich am liebsten gar nicht Feministin nennen möchten, weil das wie Hippieröcke und Haare unter den Achseln klingt.

Bei all dieser Vielfalt und dem gegenseitigem Misstrauen der Spielarten des Feminismus haben die Feministinnen doch gemein, dass sie in unserer Gesellschaft die Gleichstellung von Frauen und Männern noch nicht erreicht sehen. Insbesondere im Berufsleben und bei Führungspositionen kann von einer Chancengleichheit oft nicht die Rede sein. Ich möchte mich an dieser Stelle als Feministin outen – ich teile viele dieser Thesen und Analysen der Probleme. Allerdings erscheinen mir viele der vorgeschlagenen Lösungsansätze sehr in der Komfortzone. Nicht weil sich die Verfasser in so einer unendlich bequemen Lage befänden, sondern weil die Verantwortung zur Lösung der Probleme oft an abstrakte Stellen wie „die Gesellschaft“ und „den Staat“ abgegeben wird. Statt unmittelbar Verantwortung zu übernehmen werden Frauen (von Frauen) in der gesellschaftlichen Diskussion oft in die Rolle des Opfers der Verhältnisse gedrängt, die darauf warten müssen, dass selbige sich ändern.

Frauen verhalten sich anders als Männer und kommen deshalb beruflich schwerer voran, hört man. Sie sind konfliktscheuer, schätzen ihre eigene Leistung vergleichsweise schlechter ein und schrecken vor Konkurrenz zurück. Der israelische Verhaltensökonom Uri Gneezy und seine Coautoren haben in einem großangelegten Experiment herausgefunden, dass Frauen in Situationen mit (insbesondere männlicher) Konkurrenz deutlich schlechter performen als in konkurrenzfreien Situationen. Auch diese Befunde deuten darauf hin, dass Frauen und Männer im Beruf anders agieren. In meinem doch recht kurzen Berufsleben und nur wenig längerem Leben in der Politik habe ich selbst schon unzählige Momente erlebt, die genau diese These stützen. Dazu kommt das leidige Thema der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, das Frauen schon früh beschäftigt.

Vor ein paar Jahren war ich von einer renommierten Unternehmensberatung zu einem Workshop nur für Frauen eingeladen, der uns Perspektiven in der Beratung aufzeigen sollte. In einer Diskussion mit einer Partnerin dort drehte sich plötzlich alles nur noch darum, wie sie es schafft, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bekommen. Nach ein paar Antworten guckte sie sich in der Runde um und fragte: „Wen beschäftigt das Thema Kinder und Karriere hier alles?“. Jede Hand im Raum ging nach oben. „Und wer von Ihnen hat vor innerhalb der nächsten fünf Jahre Kinder zu bekommen?“. Nicht eine.

Die Situation hat mir gezeigt, dass Frauen dazu neigen, sich eine zukünftige Problemstellung so weit in die Gegenwart zu holen, dass sie geradezu erdrückend wirkt. Von Männern die altersmäßig deutlich näher an Familiengründungen sind höre ich dagegen zur ihrer beruflichen Zukunft Sätze wie „Ich plane auf jeden Fall irgendwann zu gründen, die Idee denke ich mir noch aus.“ und „Ich kann mir schon gut vorstellen noch mal zwei drei Jahre im Ausland zu arbeiten“. Dass die Vereinbarkeit von Kindern und Karriere ein Problem darstellen könnte, kommt in ihrer Gedankenwelt gar nicht vor. Und ganz ehrlich? Das ist auch gut so. Wir sollten uns viel weniger von möglichen Problemen in der Zukunft verrückt machen lassen und immer versuchen das Beste aus der jetzigen Situation zu machen, egal was noch auf uns zukommt.

Deshalb müssen wir Frauen vor allem eins: Raus aus der Komfortzone. Ich kann gut verstehen, dass es Überwindung kostet, zu neuen Aufgaben einfach mal ja zu sagen, ohne sich vorher gründlich in Selbstzweifel ob seiner Eignung ergangen zu haben. Es ist auch nicht einfach nach neuen Herausforderungen zu suchen oder dem Chef zu erzählen, wie toll man seine Projekte gemeistert hat. Hier müssen wir uns ins kalte Wasser stürzen und mehr Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen.

Ich möchte Frauen deshalb auffordern, morgen aus dem Haus zu gehen und ihre Fähigkeiten eine Woche lang mindestens um 20% zu überschätzen. Wir werden überrascht sein, was noch in uns steckt wenn wir uns wirklich herausfordern. Erzählt mindestens drei Menschen von Dingen die ihr gut gemacht habt, besonders dann, wenn es schwierig war. Und wenn Dinge mal nicht so gut klappen? Auch Scheitern ist kein Beinbruch sondern eine Möglichkeit zu lernen und in eine neue Richtung zu gehen. Wenn wir lernen, dass Konkurrenz nicht immer nur nervenraubend ist sondern auch ein echter Nervenkitzel sein kann, stehen uns die Möglichkeiten offen.

Ich verlange nicht von allen Frauen die nächste Sheryl Sandberg zu werden und am Konferenztisch die Ellenbogen auszufahren. Nicht jeder möchte eine Führungsposition mit all den Opfern die sie von einem fordert. Was wir uns selbst aber schuldig sind ist, unser Potential nicht selbst klein zu machen, in dem wir uns für schlechte Verhandler, weniger charismatisch und weniger talentiert halten. Nur wenn wir uns selbst mehr zutrauen und auch selbst mehr von uns verlangen können wir als Vorbilder andere mitziehen und dazu beitragen, in der ganzen Gesellschaft etwas zu verändern.

Denn die Gesellschaft ändert sich erst wenn sich die Normalität ändert und es normal wird, dass Frauen Führungspositionen innehaben und in diesen ernst genommen werden. Ich hatte immer das Glück starke weibliche Vorbilder zu haben, die mir (vollkommen unabsichtlich) gezeigt haben, dass man sich als weibliche Programmatikerin mit derselben Härte in Debatten stürzen kann oder auch als Wirtschaftsprüferin in 10 cm Absätzen von seinen Mandanten respektiert wird. Ich wünsche mir, dass wir in Zukunft nicht nur mehr dieser Vorbilder haben werden sondern selbst diese Vorbilder sein können.

 

Nathalie hat mit 26 bereits das ein oder andere Jahr in der Politik verbracht und prüft jetzt hauptberuflich Finanzinstitute.

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