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Wirtschaft & Finanzen

Abgeltungssteuer – das Märchen von der einfachen, gerechten Steuer

17th Jun '16

In den letzten Monaten sind die Stimmen wieder lauter geworden, die eine Abschaffung der Abgeltungssteuer fordern. Selbst Schäuble kann sich inzwischen vorstellen, das Thema anzugehen. Auch unter Liberalen ist die Steuer nicht unumstritten, hier drehen sich viele Argumente um Altersvorsorge, Komplexität im Steuersystem und grundsätzliche Gerechtigkeitsfragen. Wir wollen die wichtigsten Argumente im Folgenden beleuchten und haben auch eine klare Meinung – Abgeltungsteuer nein danke.

Was ist die Abgeltungssteuer eigentlich? Mit der Abgeltungssteuer wird in der Öffentlichkeit üblicherweise die Steuer auf Kapitalerträge bezeichnet, die direkt bei der Entstehung der Erträge von der Bank an den Staat abgeführt wird. Der einheitliche Steuersatz beträgt dabei 25%. Dies ist ein Unterschied zu der normalen Steuerveranlagung, bei der die Erträge in der Steuererklärung angegeben und mit dem persönlichen, progressiv ansteigenden Steuersatz des Steuerpflichtigen versteuert werden.

Von dieser Abgeltungssteuer betroffen sind beispielsweise Dividenden, Zinserträge, Erträge aus der Veräußerung von Unternehmensanteilen und diverse Erträge aus dem Derivategeschäft. Im Gegenzug ist bei der Abgeltungssteuer der Werbungskostenabzug ausgeschlossen. Das heißt, der Steuerpflichtige kann zum Beispiel Fahrten zu Hauptversammlungen, Kontoführungsgebühren oder ähnliches nicht steuermindernd als Kosten ansetzen. Lediglich der sogenannte „Sparerpauschbetrag“ von 801 Euro kann von den Erträgen abgezogen werden, ähnlich dem Werbungskostenpauschalbetrag von 1.000 Euro beim Arbeitseinkommen.

Eingeführt wurde die Steuer 2009, um Steuerhinterziehung zu bekämpfen und im Ausland geparktes Geld nach Deutschland zurückzuholen. In diesem Zusammenhang prägte Peer Steinbrück den Satz „besser 25% von X als 45% von nix“, um die Einführung durchzukämpfen. Mit dem neu eingeführten Informationsaustausch zwischen den Staaten ist dieses Problem jedoch bedeutend kleiner geworden, da es immer schwieriger wird, unversteuertes Geld vor dem Fiskus zu verstecken. In dieser Hinsicht hat sich die Abgeltungssteuer inzwischen überlebt.

Für die weitere Beibehaltung der Abgeltungssteuer spricht, dass sie es den Betroffenen (und auch dem Finanzamt) in den meisten Fällen erleichtert, ihre Steuererklärung zu machen. Über Kapitalerträge muss man sich keine Gedanken mehr machen, die Steuer darauf wird automatisch von den Banken berechnet und abgeführt.

Auf der anderen Seite bleibt jedoch der grundsätzliche Bruch im Steuersystem. Durch die Einführung der Abgeltungssteuer werden Kapitalerträge anders besteuert als Erträge aus Löhnen, Vermietung oder anderen gewerblichen Aktivitäten. Bei diesen wird die progressive Steuerkurve angelegt, der Grenzsteuersatz steigt also bis zu einem Wert von 42%. Der Satz für die Abgeltungssteuer bleibt dagegen konstant bei 25%. Bei kleinen Beträgen und einem insgesamt niedrigem Einkommen macht diese Differenz kaum einen Unterschied, aber je näher das Gesamteinkommen sich dem Spitzensteuersatz nähert (ca. 50.000 EUR) desto größer werden je nach Fallgestaltung die Besteuerungsunterschiede.

Wie das aussehen kann zeigt das folgende Beispiel. Wir betrachten dabei Martina, eine junge Frau ohne Familie. Sie hat einen Job, der ihr ein Jahresgehalt von 50.000 € bringt und gerade 300.000 EUR im Lotto gewonnen. Sie überlegt jetzt, was sie mit diesem Geld am sinnvollsten tun könnte. Der Einfachheit halber gehen wir davon aus, dass jede der möglichen Anlageformen den gleichen Gewinn, nämlich 30.000 €, vor Steuern erwirtschaftet.

Fall 1 Fall 2
Martina investiert ihr Geld als Fremdkapital in eine Wohnbaugesellschaft. Für das Geld erhält sie im Jahr 30.000 € Zinsen Martina kauft eine Immobilie und vermietet sie. Daraus erhält sie nach Abzug aller Kosten Erträge in Höhe von 30.000€ im Jahr
 Beispiel 1  Beispiel 2
Steuerliche Gesamtbelastung: 20.609,10 € Steuerliche Gesamtbelastung: 26.149,08 €

 

Durch die Investition ihres Geldes über Umwege am Kapitalmarkt statt direkt am Immobilienmarkt hat Martina in unserem Beispiel mehr als 5.500 € im Jahr an Steuern gespart. Das sind fast 20% ihres Gewinns, den sie aus dem Investment gezogen hat. Dabei sei nicht gesagt, dass es per se schlecht ist am Kapitalmarkt zu investieren, jedoch erschließt sich nicht, warum der Staat einseitig gewisse Investments steuerlich vor anderen bevorzugen sollte.

Etwas anders sieht die Lage bei Aktien aus. Die Dividenden bestehen – im Gegensatz zu Zinsen – bereits aus versteuerten Gewinnen des Unternehmens, sodass in der Gesamtrechnung der Unterschied zu dem persönlichen Steuersatz des Steuerpflichtigen kleiner wird.

Es erscheint daher aus unserer Sicht am sinnvollsten, die Kapitalerträge wieder in den persönlichen Steuersatz zu integrieren, um wieder Neutralität zwischen den verschiedenen Investitionsoptionen herzustellen. Um Dividenden und andere bereits unternehmensseitig besteuerte Auszahlungen nicht zu benachteiligen, bietet sich für diese die Wiederanwendung des Teileinkünfteverfahrens an, bei dem nur 60% der Erträge zum versteuernden Einkommen hinzugerechnet werden.

Oft wird auch als Argument herangezogen, dass man die private Altersvorsorge, die ja zumeist über Kapitalbildung erfolgt, nicht schwächen möchte. Hier bietet sich aber ein ganz anderer Systemwechsel an. Beispielsweise könnte man die Erträge auf den Altersvorsorgekonten – ähnlich wie bei den 401K Plänen in den USA – steuerfrei stellen, sofern sie auf den Konten verbleiben. Auszahlungen aus den Konten im Alter sind dann mit dem persönlichen Steuersatz unterworfen. In Summe bleibt für die Menschen aber so der Vorteil, dass das Gesamteinkommen im Alter meist niedriger ist und der Steuersatz somit nicht so hoch ausfallen würde. Für Menschen, die im Alter weiterhin sehr viel haben, ändert sich nichts an der Besteuerung.

Ein vor allem unter Liberalen beliebtes Argument ist auch, dass eine günstigere Besteuerung Investitionen im eigenen Land fördert. Ein bemerkenswerter Irrtum: Die Abgeltungssteuer gilt für Personen, nicht für Unternehmen. Und deren Steuerpflicht knüpft sich an den Wohnsitz. Sprich: Dem in Deutschland wohnenden Millionär kann es egal sein, wo die Unternehmen sitzen, an denen er beteiligt ist, das Geld, das bei ihm ankommt, unterliegt der deutschen Abgeltungsteuer.

Als letztes wird bemerkt, dass nun wirklich nicht die Zeit sei den Bürgern, oder zumindest einem Teil davon – eine weitere Steuererhöhung zuzumuten. An dieser Angst ist vermutlich Sigmar Gabriel schuld, der eine Abschaffung der Abgeltungssteuer gern dann ins Gespräch bringt, wenn es um Möglichkeiten der Erhöhung der Steuereinnahmen geht. Wenn man mal nüchtern überschlägt, ist das jedoch Quatsch. Durch die Wiederanwendung des Teileinkünfteverfahrens wären die Einnahmen vermutlich nicht nur geringfügig höher. Und wenn es zu einer Erhöhung führt, ziehen wir daraus jedoch ganz andere Schlüsse: Mehreinnahmen sollten in die Erhöhung des Grundfreibetrags investiert werden. So profitieren wir alle von niedrigeren Steuern – und nicht nur Investoren.

 

Von Nathalie & Sabrina

Nathalie hat mit 26 bereits das ein oder andere Jahr in der Politik verbracht und prüft jetzt hauptberuflich Finanzinstitute.

Comments

  • Alex Müller
    Posted at 10:24 17. Juni 2016
    Alex Müller
    Antworten Author

    Das Problem liegt doch darin, daß unsere Einkommens-Steuern viel zu hoch sind. Würden wir durchgehend 25% haben, sowohl bei Kapitaleinkünften als auch beim Lohn, wäre die Ungerechtigkeit erledigt. Anstatt also nun Steuererhöhungen zu fordern, wäre es doch sinnvoller, auch mit der Einkommenssteuer endlich wieder in diese Regionen zu kommen, bei denen wir international wieder attraktiver werden, und die Bürger sich auch endlich gerechter besteuert fühlen.

  • Christian
    Posted at 20:23 17. Juni 2016
    Christian
    Antworten Author

    Plädoyer für die Flat-Tax (ich nenne hier bewusst keine Höhe und Freibetragshöhe): Vorteil der Quellbesteuerung bleibt erhalten (bzw. wird sogar ausgeweitet), Nachteil dass Kapital und Arbeitseinkommen unterschiedlich besteuert werden ist futsch.

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