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Gesellschaft

Götter des Olymp – Im Rausch der Spiele

15th Aug '16

Die 31. Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro sind in voller Fahrt und der Medaillenkurs steht günstig für Deutschland. Mit jeder schlaflosen Nacht vor dem Fernseher nähert sich unser Biorhythmus der Zeitzone des Samba an. Wir stellen uns die Frage, warum unser Tennisschläger im Keller steht, wir noch nie Kanu fahren waren und damals nach dem Seepferdchen mit dem Schwimmunterricht abgeschlossen hatten. Olympia ist ein Medley des Sportes, in dem die verschiedenen Lieder Tischtennis, Golf und Dressurreiten heißen, und kein Ton lange genug gespielt wird, um die Lust daran zu verlieren. Nach Olympia wollen wir alle Spitzenbreitensportler sein. Dass unsere sportliche Disziplin sich letztlich doch nur im Bundesligaschauen äußert, sei dahingestellt, doch der Anblick fremden Ehrgeizes entzündet wenigstens innerlich ein Olympisches Feuer.

„No Sports.“ Das zugegebenermaßen nicht nachgewiesene Zitat von Winston Churchill, das sich die englische Fußballmannschaft erfolgreich als Sommermotto gesetzt hatte (und die Olympioniken umso mehr wettmachen), steht im krassen Kontrast zum Jahr 2016. Nachdem Freudentaumel und Verlustbenommenheit der Europameisterschaft sich langsam legten, erhebten sich die medialen Zeigefinger, die auf Rio deuteten. Zika, Doping, Korruption – Wer die Schlagzeilen zu Olympia über die letzten Monate verfolgte, der musste glauben, dass alles Böse dieser Welt sich diesen Sommer in Brasilien trifft, um gemeinsam Randale zu machen. Die mit dem Sport verbundenen Werte von Teamgeist, Leistungswillen und Gesundheit waren auf internationalem Level vergiftet worden. Terrorangst und soziale Probleme vor Ort lähmten die Freude am Spiel und stellten Großveranstaltungen generell in Frage. Doch die Olympischen Spiele sind auch dieses Jahr das Sportmärchen, das wir uns erhofft haben, obwohl niemand mehr daran geglaubt hatte.

Dass der Karneval trotz der Narren des Internationalen Olympischen Komitees nicht mehr die einzig närrische Zeit in Rio ist, verdanken wir einzig den Sportlern. Ein Andreas Toba, der trotz Kreuzbandriss für sein Team weiterturnt, ein tragisch-fabelhaftes Tennismatch von Angelique Kerber und Mónica Puig und Goldsensationen im Schießen, die gesellschaftliche Vorurteile gegenüber Schützenvereinen in Begeisterung für den Sport umschlagen lassen. Sportler, von denen die allermeisten statt mit Geld und Medaillen mit Herzblut und Jubel bezahlt werden. Denn finanziell lohnt sich die Leistung für die wenigsten, sondern stellt ganz im Gegenteil ein wirtschaftliches Risiko für das weitere Leben dar. Den Spitzensport unterstützende Programme wie von Bundespolizei und –wehr und die Möglichkeit von Fernstudien schaffen zwar Optionen für ein zweites Standbein, doch die finanziellen Anreize für den K(r)ampf an die Spitze sind gering. Die deutsche Sportförderung reicht nicht zum Leben und dennoch sehnen wir uns nach höheren Treppchen. Unsere Spitzensportler müssen Idealisten sein, denn wir als Gesellschaft haben den Wert von Medaillen noch nicht abschließend definiert. Wie hoch wir diesen Wert ansetzen, darüber lässt sich trefflich streiten und Elitenförderung eignet sich ohnehin bestens für Grundsatzdebatten. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass Elite in keiner Disziplin ein Selbstläufer ist und erst recht nicht im Sport.

Doch die Bewunderung für die Sportler darf nicht die Kritik am organisierten Sport kaschieren. IOC und Fifa geben sich alle Mühe, dem Sport als Großereignis seine Größe zu nehmen. Die „Vergabeverfahren“ für Events, die zunehmende Fokussierung auf autokratische Nationen und das profitable und insbesondere steuerfreie Geschäft als Non-Profit-Organisation zu agieren, haben die Häuptlinge des Sports zu seinem Feindbild gemacht. Auf sportlicher Ebene hat der Herr der Ringe, Thomas Bach, durch seinen dilettantischen Umgang mit dem russischen Dopingskandal den Wettbewerb ausgehöhlt. Auch wenn die Sperrung eines ganzen Landes ohne Beachtung individueller Rechte bei Olympia keine vertretbare Lösung gewesen wäre, so hat sich das IOC mit der feigen Abgabe der Verantwortung für das Antreten dopingverdächtiger Sportler an die einzelnen Verbände selbst an die Wand gespielt und die Chance verpasst, ein glaubwürdiges Zeichen für den Sport zu setzen. Nun können wir nur noch hoffen, dass diese Woche kein russischer Boxer einzeln „Vier Fäuste gegen Rio“ nachstellen kann (Rest in Peace, Bud). Doping hat schon viele Sportarten fast kaputt gemacht und hat mir persönlich beispielsweise die Freude an der Tour de France genommen, doch internationale Konsequenzen bleiben seit jeher aus.

Die gesellschaftliche Wichtigkeit des Sports macht ihn politisch. Da Sport dem Zusammenhalt und der Toleranz innerhalb der internationalen Gemeinschaft zuträglich sein soll, sind Regierungen und Organisationen, die nicht nach unserem Verständnis von Demokratie, Menschenrechten und Fairness handeln, heißes Eisen. Nichtsdestotrotz führen uns sportliche Großereignisse alle Jahre wieder vor dem Fernseher zusammen und begeistern uns wie keine anderen Events. Und das ist gut so. Die Olympische Flamme wird unsere Sportler diese Woche weiter anfeuern und uns den allabendlichen Adrenalinschub auf der Couch bescheren. Das dürfen wir genießen, ohne die Rahmenprobleme auszublenden. Und falls es mit den Medaillen nicht mehr so klappen sollte: In zwei Wochen beginnt ja schon die Bundesliga.

 

 

 

 

 

 

 

 

Leonie ist 23, studiert Volkswirtschaftslehre und ist Programmatikerin der JuLis Hessen.

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