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Wirtschaft & Finanzen

Sollten wir Banken retten?

8th Sep '16

Banken spielen in unserem Alltag meist keine Rolle in der ersten Reihe. Doch was passiert, wenn die Überweisung plötzlich ins Leere geht und der Geldautomat kein Geld mehr ausspuckt? Die Bundesregierung hat das Konto für Jeden  im Juni 2016 zum gesetzlichen Anspruch gemacht, aber sollten wir deshalb auch Banken, die in Schieflage geraten mit Steuergeldern unterstützen, damit unsere Zahlungsdienstleistungen bestehen bleiben?

Diese Frage stellte sich zuletzt in größerem Ausmaße im Jahr 2008 als ausgelöst durch die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers mehrere Banken in Deutschland zu kippen drohten. Aus ordnungspolitischer Sicht spricht einiges dafür, Banken nicht mit Staatsgeldern zu stützen, sondern wie andere Unternehmen auch in die Insolvenz gehen zu lassen. Insbesondere der Status als „too big to fail“ setzt regelmäßig große Fehlanreize in der Unternehmenssteuerung da es die Gewinnchance vom Verlustrisiko trennt. So kann der Risikoappetit eines Instituts schnell größer und die Geschäfte riskanter werden als sie es bei vollständiger Eigenhaftung geworden wären. Risiko erhöht schließlich die Gewinnchance – das Verlustrisiko wird durch den Staat begrenzt.

Gerade bei den Landesbanken die über Jahrzehnte sogar mit einer expliziten Staatsgarantie ausgestattet waren, haben die Refinanzierungsvorteile zu Ineffizienzen und unflexiblen Geschäftsmodellen geführt.

Auf der anderen Seite haben Banken eine zentrale Funktion im Wirtschaftssystem, die kein Staat ohne Not gefährden und so eine Rezession herbeiführen möchte. Gerade wenn große Universalbanken von der Insolvenz bedroht sind, wären davon Zahlungsverkehr und unzählige Privatpersonen sowie Unternehmen betroffen. Gerade viele Sparer machen sich nicht bewusst, dass sie mit ihrem Girokonto nicht nur Kunde, sondern auch Gläubiger ihrer Bank sind. Die Einlagensicherung des Bundes sichert zwar Sparvermögen bis zu einem Betrag von € 100.000 pro Kunde und Bank, jedoch spricht vieles dafür, dass die Vermögen der Einlagensicherung der Banken (EdB) für den Ernstfall nicht reichen würden.

Ein kleines Rechenbeispiel: Das Vermögen des EdB beträgt per 31.12.2015 ca. € 1,26 Mrd. (Quelle: Aufstellung des Bundesvermögens 2015 S. 90f.), die Postbank hat eigenen Angaben zufolge ca. 14 Millionen Privatkunden. Damit wären ca. € 90 pro Kunde durch das derzeitige Vermögen der Einlagensicherung gedeckt. Wenn der durchschnittliche Postbankkunde annahmegemäß jedoch nicht nur € 90 sondern € 5000 auf seinem Konto hat, kämen schon Mehrkosten von € 68 Mrd. auf die Einlagensicherung zu. (Große) Bankeninsolvenzen sind eben nie billig.

Um diese Belastungen zu vermeiden und die Wirtschaft von externen Schocks freizuhalten, bleibt deshalb zunächst nur eine Chance: Strategien und Regulierungen entwickeln, um gar nicht erst vor die Entscheidung gestellt zu werden, Banken zu retten.

Eines der beliebtesten und immer wieder diskutieren Regulierungsmittel, um Ansteckungseffekte im Bankensystem zu verhindern ist das Trennbankensystem. Dabei sollen insbesondere das klassische Einlagen- und Kreditvergabegeschäft vom Wertpapiergeschäft und dem Investmentbanking getrennt werden und so Ansteckungseffekte zwischen den einzelnen Sparten verhindert werden. Vorbild dafür ist der Glass-Steagall Akt in den USA, der die Tätigkeit von Geschäftsbanken einschränkte. Diese auf den ersten Blick charmante Idee zeigt ihre Tücken im aktuellen Niedrigzinsumfeld: durch ein Trennbankensystem würde den Banken die Möglichkeit genommen, außerhalb des klassischen Kreditgeschäfts Geschäftsmodelle zu entwickeln, die ihre Profitabilität – und damit die Kapitalbasis stärken. Gerade die Profitabilität im klassischen Kreditgeschäft ist aufgrund der niedrigen Zinsmargen und hohen Summen ausgefallener Kredite bei vielen Banken unter die Räder gekommen und belastet das Eigenkapital.

Ähnliche Argumente kann  man jeweils auch für die Maßnahmen der Zerschlagungen von Großbanken oder die Fusionierung von kleineren Banken. Vorzugsweise Sparkassen praktizieren die Notfallfusion als Mittel der Banken- und Gewinnrettung bereits seit einigen Jahren. Allein im Juli und August 2016 lassen sich zahlreiche Beispiele für Sparkassen finden, die um den Herausforderungen des Marktumfeldes entgegenzutreten, auf größere Konglomerate setzen (Beispiele 1, 2 und 3). Ebenfalls an diesen Beispielen zu sehen ist aber auch, dass europäische Banken mit einem Berg an Regulierungen kämpfen. Nach Einführung der eurpäischen Bankenaufsicht (Single Supervisory Mechanism) unter dem Schirm der EZB, sehen sich Banken oft mit der Herausforderung konfrontiert, ganze Abteilungen schaffen zu müssen, nur um den Datenhunger der Regulierer zu stillen.

Dabei sind die Ideen der Regulierer gar nicht grundsätzlich schlecht. Mit den Baseler Regelungen hat man verbindliche Mindestanforderungen an das Eigenkapital der Banken geschaffen, damit nicht schon kleine Gewinnveränderungen zu großen Problemen  führen. So müssen Institute nach den neuen Regelungen schrittweise ein hartes Kernkapital von 4,5% der risikogewichteten Vermögenswerte  plus diverse Puffer aufweisen. Diese Quote sagt aber mitnichten aus, wie viel % der Summe an vergebenen Krediten und gehaltenen Wertpapieren (diese beiden Posten machen bei Banken regelmäßig den Großteil der Vermögenswerte aus) die Bank als Eigenkapital vorweisen muss. Der Teufel liegt auch hier, wie so oft, im Detail – in diesem speziellen Fall im Wort „risikogewichtet“. Das Risikogewicht kann nämlich je nach Vermögenswert sehr unterschiedlich ausfallen. Für einen Unternehmenskredit kann das Risikogewicht (auch RWA genannt) je nach Rating zwischen 20% und 150% der Forderungssumme liegen.* Für Staatsanleihen von EU Staaten dagegen liegt das Risikogewicht sehr einheitlich und vollkommen vom Ausfallrisiko unabhängig bei exakt 0%**.

Um die Auswirkungen dieser politischen Entscheidung einzugrenzen gilt ab 2018 zusätzlich eine Leverage Ratio von 3%, die nun das vorschreibt, was man als Laie eigentlich unter der Eigenkapitalquote vermutet hätte: Das Eigenkapital muss mindestens 3% aller Vermögenswerte betragen. Sollte das Eigenkapital einmal nicht mehr ausreichen gibt es seit kurzem noch das Instrument des Bail-In Kapitals. Dabei wandelt sich bestimmtes Fremdkapital bei Unterschreiten gewisser Kennzahlen automatisch in Eigenkapital um, um so das Überleben der betreffenden Bank zu sichern.

Um den seltenen unabwendbar kritischen Situationen in denen sich eine Bank aufgrund von Marktschocks oder hausgemachten Problemen  befinden kann nicht unvorbereitet gegenüberzustehen (wie es unzweifelhaft in 2008/2009 oft der Fall war) sind systemrelevante Banken verpflichtet, einen umfangreichen Sanierungsplan aufzustellen, der (schmerzhafte) Maßnahmen beinhaltet, wie sie sich aus mehreren hypothetischen Krisenszenarien zu befreien gedenkt. Zusätzlich dazu wird von der Aufsicht ein sogenannter Abwicklungsplan erstellt, der zum Einsatz kommen soll, wenn eine Sanierung nicht mehr möglich ist. Dieser Plan soll vor allem zwei Zielen dienen: 1) systemrelevante Funktionen, wie beispielsweise den Zahlungsverkehr weiterhin sicherzustellen und 2) das ganze möglichst kostengünstig zu machen.

Insgesamt hat sich also viel getan, um nicht wieder vor einer lose-lose-Situation zu stehen wie in 2008. Die größten Herausforderungen bleiben weiterhin eine Balance zu wahren zwischen einer zu laschen Regulierung auf der einen Seite, die es zulässt, dass Banken implizit Risiken aus den Steuerzahler auslagern*** und einer zu strengen Regulierung auf der anderen Seite, die die Profitabilität gerade kleinerer Banken aufgrund der immer härteren Anforderungen zusammenschmelzen lässt. Die Europäisierung der Bankenüberwachung hat dabei einen wichtigen Beitrag zu einer europaweit einheitlichen Regulierung geleistet, die an alle Institute die gleichen Maßstäbe anlegt (man munkelt gewisse nationale Regulierer waren dort bisher eher nachsichtig). Nichtsdestoweniger bleibt es hier wichtig, Kompetenzen klar festzulegen, um zu verhindern, dass Banken im Chaos zwischen EZB, EBA, BaFin, der Bundesbank und der FMSA**** ersticken.

 

*Ich unterstelle der Einfachheit halber den Kreditrisikostandardansatz. Die meisten großen Banken verwenden interne Modelle, mit denen sich die Risikogewichte im Regelfall weiter nach unten drücken lassen.

**  Art. 114 Absatz 4 CRR

*** Für die Interessierten: Banken sind ja durchaus nicht schlecht darin, Regulierungen zu umgehen. Nachdem als Risikomesszahl der Value at Risk eingeführt wurde, also der maximale Verlust der mit 99% Konfidenzniveau eintritt, haben sich einige findige Banken gedacht: man kann doch bestimmt Instrumente konstruieren die mit einer Wahrscheinlichkeit von 99% sehr risikoarm und mit einer Wahrscheinlichkeit von 1% desaströs sind. Deswegen wechselt man jetzt mit Basel IV zum Expected Shortfall – es bleibt also ein Katz und Maus Spiel.

**** und das waren nur die Regulierer die mir spontan eingefallen sind

 

Nathalie hat mit 26 bereits das ein oder andere Jahr in der Politik verbracht und prüft jetzt hauptberuflich Finanzinstitute.