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Internationales

Trump(f) – Ein Kommentar zu den Reaktionen der U.S.-Wahl

9th Nov '16

An manchen Morgen ist es erstaunlich, dass die Erde sich noch dreht, die Uhren nicht stehengeblieben sind, Menschen zur Arbeit und Kinder in die Schule müssen. Die Geschichte hat sich über Nacht geschrieben und trägt eine Bibliothek von Fragezeichen in die nächsten Monate. Ein Kommentar zu den Reaktionen der U.S.-Wahl, die Donald Trump mit überwiegender Mehrheit im amerikanischen Wahlsystem als Sieger hinterlässt.

Als ich heute aufgestanden bin, hat mir meine Facebook-Timeline erklärt, dass die Apokalypse in den frühen Morgenstunden eingetreten sein muss. Viele aufgebrachte und ausfallende Tweets von Politikern, Journalisten und Bekannten zwitscherten mir entgegen und äußerten ihren Unmut gegenüber Trump und den amerikanischen Wählern. Diese Reaktionen zur Wahl legen nicht nur Trumps Erstarken offen, sondern zeigen Wurzeln des aufkeimenden (Rechts)populismus generell auf:

Es mangelt an Demut gegenüber den Wählern.

Trump hat Politik unpolitisch gemacht und mit Emotionalität den Nerv der Gesellschaft getroffen. Die U.S.-Wahl zeigt, dass die elementaren Rechte von Frauen, Migranten und Homosexuellen, die wir in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts als erstritten glaubten, noch nicht indiskutabler Kern unserer Gesellschaft sind. Wir debattieren Quoten und Einwanderungsgesetze, während mit der Akzeptanz von locker room talk und Mauerbau das Fundament moderner Politik bröckelt. So leicht sich der Zeigefinger hebt – Hier müssen Parteien grundlegend ihre eigene Wertevermittlung in Frage stellen und Verantwortung übernehmen. Niemand wird aufhören, Trump, die AfD oder LePen zu wählen, nur weil Ralf Stegner, Jakob Augstein oder wir selbst in sozialen Netzwerken Menschen diffamieren und an ihrem Verstand zweifeln. Öffentlicher Diskurs und Realität sprechen nicht dieselbe Sprache. Die Menschen entfremden sich vom politischen Apparat und dem medialen Netz der Hauptstädte.

Unsere Köpfe sind urbanisiert, doch der Großteil der Bevölkerung lebt nicht in New York, Istanbul, St. Petersburg und London, sondern irgendwo dazwischen. Gesellschaft und Kultur in urbanen Regionen ähneln sich und spiegeln weniger das Land, in dem sie liegen, wider, sondern vielmehr einen globalen Lebensstil. Wir haben im amerikanischen Wahlkampf oft vergessen, dass die USA nicht nur aus Küsten besteht. Ohne unterschiedliche Länder und politische Systeme miteinander vergleichen zu wollen, ist auffallend, dass wir ländliche Regionen weltweit nicht ausreichend im Blick haben. Die Wählerschaft der Trumpeten stimmt in ihren äußerlichen Merkmalen weitgehend mit den Brexiteers überein. Das junge, urbane England wollte Europa, die junge, urbane USA Clinton – Die Zukunft der Länder war in der Minderheit.

Europäische Rechtspopulisten in ganz Europa beglückwünschen Trump und wähnen ihn als Vorbild. Dem müssen wir im Diskurs gegenübertreten, statt eine Blockadehaltung anzunehmen. Es wird dabei schwierig, die richtige Tonlage zu finden. Es wird schwierig, auf unseren Werten zu beharren, ohne überheblich zu wirken. Es wird schwierig, Wähler zu gewinnen, ohne sich politischem Populismus zu beugen. Der Grad ist schmal, doch Arroganz und Besserwisserei haben noch niemanden politisch abgeholt. Das müssen wir lernen – möglichst vor den französischen und deutschen Wahlen im nächsten Jahr. Donald Trump wird eine Herausforderung für die Weltpolitik und die transatlantischen Beziehungen. Denn auch ein Präsident Trump wird good old Donald bleiben und Forderungen für den harten Wählerkern erfüllen müssen. Damit werden wir umgehen, doch wichtiger ist es, unsere eigene Lektion daraus zu lernen.

Leonie ist 23, studiert Volkswirtschaftslehre und ist Programmatikerin der JuLis Hessen.

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