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Same, same, but different – Verhaltensökonomische Erkenntnisse zur Frage: Worin unterscheiden sich Männer und Frauen?

10th Jun '17

Unterschiede zwischen Männer und Frauen – über Soziale Relikte und evolutionäre Vorbestimmungen

Das Verhalten eines Menschen wird bisweilen stärker durch seine soziale Identität, als durch seine eigenen Wünsche, Veranlagungen und Bedürfnisse beeinflusst. Wir alle identifizieren uns mit (fiktionalen) sozialen Gruppen, folgen ihren Normen und stoßen uns daran, dass andere Menschen sich nicht an die sozialen Regeln derjenigen sozialen Gruppe halten, in welche wir sie einordnen. Wenn wir uns selbst und andere in soziale Kategorien (z.B. Türken, Rentner, Rothaarige, Krankenschwestern, Studenten) einsortieren, dann ist das Geschlecht ein wesentlichstes – weil besonders leicht zu beobachtendes und salientens – Distinktionsmerkmal.

Unsere Zuordnung zu der Gruppe der Frauen oder zu der Gruppe der Männer bestimmt, wie wir uns nach Ansicht des Grants der Bevölkerung zu verhalten haben um soziale Akzeptanz zu erfahren oder in welchen Situationen wir mit unseren Ansichten und unserem Verhalten anecken. Die kulturbedingten Unterschiede zwischen den Geschlechtern stellt aus normativer Sicht zunächst kein Problem dar, solange sich alle Menschen in ihrer jeweiligen gesellschaftlichen Rolle wohl fühlen. Wenn aber Menschen ihren eigenen Weg gehen wollen ohne dabei jemanden anderen in seiner Freiheit einzuschränken, dabei jedoch mit starkem gesellschaftlichen Gegenwind rechnen müssen, dann läuft etwas schief.

Eine vollzeitberufstätige Frau zum Beispiel, deren Mann zu Hause bleibt um auf die Kinder aufzupassen, wird nicht selten als „karrieregeile Rabenmutter“ abgestempelt. Sie erfährt von Teilen der Gesellschaft keine Akzeptanz für ihr Verhalten, weil sie eben nicht dem gesellschaftlichen Rollenbild einer idealen Mutter entspricht. Einem Mann, der in gleichem Maße nach Karriere strebt wird hingegen häufig nachgesagt, er handle verantwortungsvoll, da er ja schließlich seine Familie finanziell versorge.
Ebenso werden Frauen bei einer Hochzeit von ihren Familien und zukünftigen Ehemänner oft dazu gedrängt, ihren eigenen Nachnamen zu Gunsten des Nachnamens ihres Mannes aufzugeben, während ein Mann mit einem Doppelnamen vielen als „Pantoffelheld“ gilt.

Solche und ähnliche Gedanken fließen Tag täglich in unsere Entscheidungen mit ein. Sie geben den ausschlaggebenden Impuls für Handlungen oder führen zumindest dazu, dass es uns emotional nahe gehen kann, wenn wir dem gesellschaftlichen und familiären Druck standhalten und für uns selbst einstehen. Daher ist es die Pflicht weltoffener Menschen ihrer Toleranz Ausdruck zu verliehen und zu zeigen, dass es vollkommen in Ordnung ist mit Konventionen zu brechen. Besonders ist es ihre Aufgabe all diejenigen Menschen in die Schranken weißen, die ihre Mitmenschen allzu sehr in Rollenbilder zwängen, in denen sich diese nicht wohlfühlen.

Gemäß der psychologischen Theorie der sozialen Identität nach Tajefel und Turner (1979) verläuft die Bildung sozialer Gruppen (wie die Gruppe von Männern oder Frauen, BWL-Studenten und Juristen, Jung Liberale und Sozialdemokraten) wie folgt ab: Mitglieder einer sozialen Gruppe versuchen durch das Herausstreichen von Gemeinsamkeiten, durch Stereotypisierung anderen Gruppen, sowie durch Abgrenzung von eben diesen eine eigene soziale Identität aufzubauen. Menschen erwarten, dass die Mitglieder der eigenen Gruppe sich mit den Werten und Normen der Gruppe identifizieren und nach diesen handeln. Dies bedingt im Umkehrschluss jedoch auch, dass Konformitätsdruck auf diejenigen Gruppenmitglieder ausgeübt wird, die nicht für ihre soziale Gruppe typische Interessen besitzen und anecken. Dabei gilt, dass wir uns die Zugehörigkeit zu einigen Gruppen, wie zum Beispiel zu der Gruppe der Jurastudenten aussuchen können, während wir von der Gesellschaft hingegen qua biologischem Geschlecht in die Kategorie Mann oder die Kategorie Frau gesteckt werden; ob wir das nun wollen oder nicht. Schon vor der Geburt werden Kindern Rollen zugeordnet: Jungs werden in Blau eingekleidet, (historisch gesehen war dies im Übrigen ursprünglich anders herum) Mädchen in Rosa. Mädchen kriegen Barbies geschenkt, während Jungs mit Legos spielen können. Kindern werden bereits zu einem Zeitpunkt Rollen zugeschrieben, da wissen sie noch nicht einmal, dass es so etwas wie ein Geschlecht gibt.

Auch Transsexuelle werden von der Gesellschaft häufig nicht als vollwertiger Mann oder vollwertige Frau angesehen. Geschlechtergruppen gehören im Unterschied zu vielen anderen sozialen Gruppen, wie zum Beispiel die Gruppe der Fußballfans, zu den wenigen Gruppen in die eine Selbstselektion ausgeschlossen ist. Dies kann zu echten Problemen führen.

Einem Mann, der lieber Ballett tanzt, anstatt sich mit Bier und Chips in Vereinstracht gekleidet am Wochenende das Bundesligaspiel seines Lieblingsvereins anzuschauen, wird zum Beispiel von anderen Männern der Vorwurf entgegengebracht, eben kein „harter Kerl“ zu sein, sondern ganz im Gegenteil sich wie eine „Pussy“ oder ein „kleines Mädchen“ zu benehmen. Die Definition von Männlichkeit ist in diesem Beispiel eine starre Negativdefinition: Männlich ist all jenes, was nicht weiblich ist.

Anstatt zu akzeptieren, dass jeder Mann und jede Frau sowohl „typisch“ männliche Eigenschaften und typisch weibliche Eigenschaften besitzt, wird dies negiert. Jede typisch weibliche Eigenschaft an einem Mann kann im Extremfall zum Stigma werden. Dies ist indes eine Definition die nicht nur Frauen, sondern auch Männern zum Verhängnis werden kann, zum Beispiel wenn sie keine soziale Akzeptanz erfahren über emotionale Probleme, oder gar schlimmer um über ihre Depression zu reden und sich Freunden anzuvertrauen. Die unterschiedlichen gesellschaftlichen Normen über den Umgang mit Gefühlen zwischen Männern und Frauen kann mitunter eine plausible Erklärung dafür sein, warum Männer statistisch signifikant häufiger als Frauen Selbstmord begehen.

Tatsächlich wird über wenige Themen am Stammtisch, in Kommentarspalten in Onlinezeitschriften und auf Facebook so energisch diskutiert, wie über die bestehenden oder nicht bestehenden Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Was ist typisch, was ist untypisch? Darf sie das? Darf er das?

Fraglich aber bleibt häufig, ob diese Unterschiede sozial konstruiert sind, also auf unterschiedliche soziale Identitäten zurückzuführen sind oder ob sie angeborenen Vorlieben von Männern und Frauen entsprechen. Die eben schon diskutierte Theorie der sozialen Identität legt dabei den Schluss nahe, dass zumindest in Teilen menschliches Verhalten durch das eigene Rollenverständnis und nicht vollständig durch eigene Vorlieben bestimmt sind. Ob nun aber soziale Konstruktion oder aber a priori (also aufgrund genetischer Prädisposition) festgelegte Präferenzen das Verhalten von Männern und Frauen beeinflussen, hat weitreichende Implikationen, wie die Politik, Wirtschaft und die Gesellschaft mit Ungleichheit umgehen soll.

Die Verhaltensökonomie liefert spannende Antworten, auf die grundlegende Frage, worin sich Männer und Frauen zunächst einmal in ihrem Handeln, davon abgeleitet auch in ihren Bedürfnissen unterscheiden. Sie liefert auch erste, vorläufige Antworten, ob es sich bei diesen Unterschieden um ein Artefakt der Sozialisation handelt und inwiefern Unterschiede in den Bedürfnissen und Präferenzen von Männern und Frauen bereits a priori bestehen. Die Tendenz geht in die Richtung, dass Frauen und Männer doch ähnlicher als gedacht sind. Die Studien lassen aber auch vermuten, dass unsere soziale Identität und unser kultureller Background doch wesentlichen Einfluss darauf haben, wer wir sind.

Gerade die Klärung der Frage ob Unterschiede zwischen Männern und Frauen bereits a priori bestehen oder Ergebnis eines kulturellen Prozesses sind, ist häufig Kern der Debatte zwischen eingefleischten Linken und Konservativen. Zeit also, weder biologische, noch soziologische Argumente anzubringen, sondern die Verhaltensökonomie als Schiedsrichter hinzuzuziehen. Die Verhaltensökonomie zeichnet sich dabei vor allem durch ihr methodisches Vorgehen aus, dass vor allem Entscheidungen analysiert und dadurch Rückschlüsse auf die Geschmäcker und moralischen Vorstellungen zieht.

Was ist Verhaltensökonomie?

Noch bis heute bedienen sich Ökonomen bei der Erforschung von Entscheidungen von Menschen einem raffinierten, wenn auch sehr umstrittenen Trick. Sie vereinfachen die Realität radikal und gehen davon aus, dass der Mensch immer rational handelt und bei all seinen Entscheidungen ausschließlich seinen eignen langfristigen Nutzen im Blick hat. Die unrealistische Annahme, der Mensch sei rational, ermöglicht es, dass ökonomische Handlungen systematisch untersucht werden können und dass wichtige Wirkungsbeziehungen einer Volkswirtschaft durch formale und mathematische Modelle dargestellt und erfasst werden können. Die radikale Reduzierung von Prozessen auf das Wesentliche ermöglicht es erst, trennscharf Rückschlüsse darüber zu ziehen, warum die Wirtschaft so funktioniert, wie sie funktioniert. Die Prognosen dieser Modelle sind bisweilen erstaunlich präzise. Wenn gleich eine Vielzahl von Marktergebnissen und Handlungen von diesen klassischen ökonomischen Modellen vorhergesehen werden kann, können neoklassische Wirtschaftsmodelle immer noch zahlreiche Entscheidungen von Menschen nicht erklären.

Dieses Vorgehen erzeugt aber häufig Widersprüche zwischen dem, welches Verhalten wir draußen in der Wirklichkeit beobachten und welches Verhalten Ökonomen in ihrem Elfenbeinturm prognostizieren. Einige Fragen bleiben durch die klassische Ökonomie unbeantwortet: Warum spenden Menschen Geld an wohltätige Zwecke, wenn sie daraus keinen direkten Nutzen, wie zum Beispiel Steuervergünstigungen, ziehen können? Warum fangen Studenten erst kurz vor Beginn der Prüfungsphase an für die anstehenden Klausuren zu lernen, obwohl sie wissen, dass diese Taktik insgesamt wenig erfolgsversprechend und mit viel Stress und Schweiß verbunden ist? Warum bestellen wir im Restaurant ein Schnitzel mit Pommes, obwohl wir uns fest vorgenommen haben, den Salat zu essen? Warum sind Anleger bereit größte Risiken einzugehen, wenn sie auf steigende und fallende Kurse wetten und zahlen doch überhöhte Summen für ihre Handyversicherung, um sich gegen jedes noch so kleine Risiko abzusichern? Warum schätzen Menschen die Wahrscheinlichkeit für Risiken vollkommen falsch ein?

Die Verhaltensökonomie ist ein Teilgebiet der Ökonomie, die genau auf diese Fragen versucht eine Antwort zu finden. Dabei versucht sie bewusst das stark simplifizierte und dadurch verzerrte ökonomische Menschenbild und das psychologische Menschenbild wieder zusammenzuführen. Verhaltensökonomen erforschen dabei systematisch, wann Menschen auf der Grundlage ihrer Vorlieben und Einschätzungen anders entscheiden als der Homo Oeconomicus und wie diese Abweichungen formalisiert werden können. Dabei beschäftigt sie sich mit nicht-standardisierten Erwartungshaltungen (Menschen können Wahrscheinlichkeiten schlecht einschätzen) und fürchten das Risiko zu sehr, wenn kleine Risiken bestehen, während sie große Risiken unterschätzen. Oder eben auch, dass Menschen manchmal Altruisten sein können und soziale Präferenzen haben und insofern nicht-standardisierte Präferenzen haben. Oder sie sind in ihrer Rationalität eingeschränkt und verlassen sich eher auf Daumenregeln und heuristischen Entscheidungshilfen.

 Frauen, die sozialeren Wesen?

Rousseau stellte einst zutreffend fest: „Der Geschmack ist allen Menschen natürlich;
sie haben ihn aber nicht alle in gleichem Maße.“ Dies gilt im Besondern auch für jene Präferenzen, für welche sich Ökonomen interessieren, wie zum Beispiel, wie sehr neigt der Mensch dazu eigennützig zu sein, wie ungeduldig ist er bei Konsumentscheidungen und wie vertrauensselig ist er. Unsere Persönlichkeit und unser Geschmack habe nicht nur Auswirkungen auf das, was wir sind. Sie haben nicht nur Einfluss auf unsere Gesundheit, unsere Zufriedenheit, unsere Ausbildung, unsere Löhne und Aufstiegsmöglichkeiten, sondern sie prägen auch unseren Umgang miteiandern und haben weitreichenden Einfluss auf die Funktionsweise unserer Gesellschaft.

Eines der weit verbreiteten Vorurteile gegenüber Frauen und deren Präferenzen findet in einer Reihe von verhaltensökonomischen Studien Bestätigung (z.B. Dohmen et al. (2015)): Frauen haben im Durchschnitt ausgeprägter soziale Präferenzen als Männer. Sie sind eher bereit, überraschende Geldgeschenke mit anderen Menschen zu teilen, neigen häufiger dazu, sich für einen Gefallen zu revanchieren und Enttäuschungen unter den Tisch fallen zu lassen. Je größer die sozialen Präferenzen eines Menschen sind, desto eher spendet er, desto eher engagiert er sich ehrenamtlich und desto wahrscheinlich ist es auch, dass er mit anderen Menschen kooperiert. Je stärker Menschen zudem hin dazu neigen, sich für wohlgesinntes Verhalten zu revanchieren, desto mehr verstärken sich diese Effekte wechselseitig.
Auch ist die weibliche Hälfte der Bevölkerung , nach den Ergebnissen von Dohmen et al. (2015), etwas vertrauensseliger als die männliche. Interpersonales Vertrauen als riskante Vorleistung ist eine Eigenschaft die für das Funktionieren unserer Gesellschaft gerade zu fundamental ist. Vertrauen wird benötigt, um Zustände der Unsicherheit in einer Gesellschaft zu überwinden. Sie macht zahlreiche soziale Interaktionen, wie zum Beispiel das Schließen von Verträgen, überhaupt erst möglich. Jedoch gilt auch hinsichtlich der Vertrauensseligkeit von Männern und Frauen, dass die existierenden Unterschiede nicht all zu nennenswert groß sind.

Der Bonner Ökonom Armin Falk hält soziale Präferenzen wie die Bereitschaft zu Spenden und Vertrauen anderen Menschen entgegen zu bringen indes für das Funktionieren unserer Gesellschaft so wichtig, dass er ein Mentorenprogramm mitinitiierte, das darauf abzielt, die sozialen Präferenzen von Schulkindern mit sozialen Defiziten aus Brennpunktfamilien durch regelmäßige Aktivitäten mit Studenten, zu verstärken. Während aus gesellschaftlicher Sicht soziale Präferenzen für die Gemeinschaft von Vorteil sind, ist aus individueller Sicht nicht klar, ob Menschen mit einer stärkeren sozialen Ader auch tatsächlich am Ende glücklicher sind. Nur weil etwas einen Nutzen für die Gesellschaft hat, ist es deshalb lange noch nicht legitimiert, die Präferenzen eines Kindes zu prägen, wenn dieses daraus am Ende selbst womöglich gar keinen eigenen Vorteil ziehen kann.
Abschließend sei gesagt, dass der Unterschied innerhalb einer Gruppe von Männern und Frauen oft größer als der Unterschied zwischen dem stereotypischen Mann und der stereotypischen Frau ausfällt.
Ferner gilt, dass obwohl die oben dargestellten Unterschiede in vielen Studien aufgezeigt werden konnten, dass andere Wissenschaftler keinen nennenswerten Unterschied zwischen Männern und Frauen ausmachen. Aus den oben dargestellten Ergebnissen sollten daher keine weitreichenden Implikationen abgeleitet werden. Dies gilt indes aber nicht nur für soziale Präferenzen, sondern auch für eine Reihe weiterer Präferenzen (vgl. hierzu die Ergebnisse des und einer Studie von Croson und Gneezy 2009, erschienen im Journal of Economic Literature).

Darüber hinaus hat die aktuelle verhaltensökonomische Forschung gezeigt, dass soziales Verhalten gegenüber Gruppen stark kontextabhängig ist. Ob Männern und Frauen nun sozialer oder weniger sozial handeln und entscheiden, hängt auch von unterschiedlichen Rahmenbedingungen ab; beispielsweise davon, inwiefern die Person, mit der die Frau oder der Mann interagiert, eine Erwartungshaltung an ihr oder sein Handeln stellt. Insgesamt gilt hierbei, dass Frauen ihr soziales Verhalten stärker den jeweiligen Kontexten anpassen. Hierfür gibt es zwei mögliche Ursachen, wobei nicht abschließend geklärt ist, welche der beiden Ursachen letztlich für die größere Variabilität der Entscheidungen von Frauen verantwortlich ist.

Eine mögliche Interpretation ist, das Frauen anderen sozialen Normen unterworfen sind bzw. von ihnen eher erwartet wird, dass sie sich an bestimmte soziale Normen halten. Es gibt anekdotische Evidenz, dass zum Beispiel kleine Mädchen eher dafür gelobt werden, wenn sie brav sind und mit anderen Kindern teilen, während bei kleinen Jungs weniger soziale Präferenzen, sondern viel mehr andere Stärken, wie Sportlichkeit, herausgestellt werden. Dies hieße aber im Umkehrschluss aber: Frauen sind also nicht per se sozialer, sie sind wohl nur wahrscheinlicher sozial, weil dies durch die Gesellschaft von ihnen erwartet wird. Dies könnte ein erster Anhaltspunkt sein, dass zumindest die Unterscheide in den sozialen Präferenzen von Männern und Frauen Ergebnis von kulturellen Rollenverständnissen sind. Frauen wären folglich, wenn man den anfänglichen Gedanken der sozialen Identität aufgreift, nicht per se sozialer, sondern weil sie ihre eigene Identität dadurch bestätigen können, dass sie sich an die sozialen Normen der Gruppe der Frauen halten.

Eine zweite Interpretationsmöglichkeit ist, dass Frauen eine andere Wahrnehmung besitzen als Männer und stärker auf sogenannte „social clues“ achten; sprich auf Zeichen und Details, die uns signalisieren, wie vertrauenswürdig andere Menschen sind oder auch, ob es sozial angebracht ist, sich besonders sozial gegenüber anderen Menschen zu verhalten.

Es gibt hier noch keine empirische Tendenz, welche der beiden Interpretationen nun die zutreffende ist.

Der Wettbewerb – ein Männerding?

Die Verhaltensökonomie ermöglicht uns auch Einblicke in die Beschaffenheit (scheinbar) gläserner Decken. In anderen Worten, sie bietet Antworten auf Frage, warum Frauen weniger häufig Führungspositionen begleiten, obgleich sie doch häufig besser qualifiziert sind und heterogene Führungsteams in aller Regel erfolgreicher sind. Neben den naheliegenden Gründen, wie „Similarity Effects“ (Vorgesetzte befördern gerne Angestellte, die ihnen ähnlich sind) oder bewussten und unbewussten Diskriminierung von Frauen, steht auch immer die Frage im Raum, inwiefern Persönlichkeitsmerkmale und Präferenzen ursächlich für den häufig unterschiedlichen Karriereweg von Frauen in der Politik und Wirtschaft sind. Es stellt sich insbesondere die Frage, warum Frauen weniger häufig in den Wettbewerb eintreten und sich auf aussichtreiche Positionen bewerben.

Laborexperimente ermöglichen dabei den Einfluss von Präferenzen isoliert von möglichen Diskriminierungs- und Netzwerkeffekten zu betrachten, um so einzelne Komponenten separieren und exakt messen zu können. Dies gelingt dadurch, dass in anonymisierten Computerexperimenten die anderen Teilnehmer nicht wissen, mit wem sie interagieren und welche Person welche Entscheidung getroffen hat. Dabei stellte man fest: Vor allem drei Charakteristika, in denen sich Frauen und Männer unterscheiden, sind sehr wahrscheinlich mitverantwortlich dafür, dass häufiger eher Männer als Frauen sich auf Führungspositionen bewerben und dann auch befördert werden. Der erste Unterschied zwischen Männern und Frauen, der den Karriereweg maßgeblich beeinflussen, besteht laut verhaltensökonomischen Studien in der Bereitschaft Risiken einzugehen. Der zweite Grund, der auch mittelbar mit der Risikobereitschaft eines Menschen einhergehen, besteht in der Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Erfolgsaussichten. Der dritte darin wie gerne Männer und Frauen konkurrieren. Alle drei Präferenzen haben maßgeblichen Einfluss darauf, ob sich Frauen auf politische Posten und Führungspositionen bewerben und daher mittelbar auch, ob sie am Ende die Stelle bekommen.

Frauen tendieren in einer großen Anzahl von experimentellen Studien dazu, weniger gerne und weniger oft Risiken einzugehen als Männer. Aus Angst vor den negativen Folgen einer abgelehnten Bewerbung bewerben sich viele Frauen häufig erst gar nicht und können in Folge dessen auch bei der Vergabe von aussichtsreichen Stellen wenig berücksichtigt werden. Dabei ist keineswegs gesagt, dass risikoaffine Personen eine bessere Performance im Job abliefern. Wer möchte denn schon einen Statiker mit einer hohen Neigung zum Risiko für den Bau seines eigenen Hauses engagieren? Die Eigenschaften, die es bedarf einen Job gut auszuführen und die es bedarf einen Job zu bekommen sind nun einmal verschieden.

Mädchen und Frauen schätzen ferner in aller Regel ihre Fähigkeiten realistischer ein, während sich die überwiegende Mehrheit der Jungen und Männer eher selbst überschätzt. Dieser sogenannten „Overconfidence“ begegnen wir sehr häufig in unserem Alltag: Die meisten von uns glauben, überdurchschnittlich gute Autofahrer und überdurchschnittlich gut im Bett zu sein. Männer neigen aber häufiger dazu sich bisweilen maßlos selbst zu überschätzen. Übrigens, Menschen, die ihre Eigenschaften niemals zu optimistisch einschätzen, sind gemäß klinischen Studien mit hoher Wahrscheinlichkeit depressiv. Eine zu optimistische Einschätzung der eigenen Chancen führt jedoch dazu, dass sich Männer überspitzt formuliert selbst dann auf einen Job bewerben, der fließende Englisch-Kenntnisse voraussagt, wenn sie mit Mühe und Not sich auf Englisch nach dem Weg erkundigen können. Eine stereotypische Frau wird auch nach zwei Semestern Auslandsaufenthalt in den Staaten ihr Englisch noch für verbesserungswürdig hält und sich daher nicht auf die Stelle bewirbt.

Ferner gilt, dass selbst wenn man nun einen Mann und eine Frau mit den gleichen Präferenzen für Risiko und der gleichen Selbsteinschätzung heranzieht, dass wahrscheinlicher ein Mann in einen Wettbewerb eintreten wird als eine Frau. Dies wird zum Teil damit begründet, dass Männer lieber konkurrieren und eine stärker ausgeprägte Präferenzen fürs Gewinnen haben, kann aber auch damit begründet werden, dass Konkurrenzverhalten bei Männern sozial akzeptiert wird und Menschen nun einmal gerne nach gesellschaftlichen Normen handeln. Dies impliziert aber auf der anderen Seite wiederum, dass nicht alleinig die Schuld für die geringer Anzahl weiblicher Kandidaten um zum Beispiel Führungspositionen Frauen zuzuschreiben ist, sondern dass durchaus auch Frauen lediglich vermeiden wollen, für all zu männliches Auftreten negativ geächtet zu werden.

Eine Studie der Cass Business School in London, der Universität Warwick und der Universität Wisconsin hat zum Beispiel gezeigt, dass Frauen trotz gleicher Qualifikation und trotz erbitten eine Gehaltsverhandlung, diese weniger oft zugesprochen bekommen. Eine empirische Begründung hierzu liefern vier Studien der Autoren Bowles und Mellon. Sie argumentieren, dass Frauen, wenn sie allzu selbstbewusst in Verhandlungen und in Wettbewerbssituationen wahrgenommen werden, häufig von anderen (vor allem von anderen Männern) mit klassisch negativen Eigenschaften (wie gierig oder egoistisch) beschrieben werden, während bei Männern das gleiche Verhalten auf positive Resonanz trifft. In den Wettbewerb einzutreten ist demnach für Frauen mit weit aus höheren sozialen Kosten verbunden als für Männer, sie werden als unattraktiver wahrgenommen und haben bisweilen schlechtere Chancen bei der Partnerwahl. Demnach sind Frauen vielleicht nicht zu schüchtern um in den Wettbewerb zu treten, sondern sie antizipieren lediglich die Reaktionen der Umwelt auf ihr Verhalten.

Über die Gestaltung von Auswahlmechanismen um gläserne Decken zu durchbrechen

Nun könnte man argumentieren, dass Präferenzen nun einmal Präferenzen sind und dass eine falsche Wahrnehmung nun einmal eine falsche Wahrnehmung ist, sowie dass es das Ergebnis eines natürlichen Prozesses ist, wenn Frauen weniger häufig befördert werden als Männer. Dagegen lassen sich aber gewichtige Argumente entgegen bringen. Erstens, ist Erfolg im Bewerbungsprozess nicht gleichzusetzen mit Qualifikation für eine bestimmte Position. Durch die Nichtberücksichtigung qualifizierter Frauen entgeht Unternehmen ein großes Potential. Zweitens, sind Bewerber oft schwer zu vergleichen, da unterschiedliche Personen (vereinfacht und sehr platt dargestellt, eine Frau und ein Mann) unterschiedliche Qualifikationen mitbringen und häufig nur die Kombination der Befähigung beider Personen das Unternehmen besonders erfolgreich macht. Drittens, heißt es nicht, dass nur weil Frauen den Bewerbungsprozess als solches scheuen, sie nicht auch mindestens genauso gerne den Job ausführen würden. Aussagen über die Präferenzen sich zu bewerben und über die Präferenzen einer Tätigkeit nachzugehen sind zwei Paar Schuhe.

Inwiefern Auswahlverfahren wirklich geeignet sind, die am besten Qualifizierten zu selektieren muss daher auf den Prüfstand gestellt werden. Dies gilt für Parteien genauso wie für Unternehmen und staatliche Behörden. Dabei gilt, dass sich zwar auf dem Markt dauerhaft die beste Bewerbungsprozedur durchsetzen sollte, da Unternehmen und Parteien mit fähigerem und diverserem Personal am Ende wahrscheinlicher erfolgreich sind. Diese langfristige Aussicht sollte aber auf der anderen Seite weder Parteien bei der Auswahl ihrer politischen Kandidaten und Vorstände, Unternehmen bei der Auswahl von Führungskräfte und staatliche Behörden bei der Selektion ihrer Beamten davon abhalten sollte, über bessere Verfahren nachzudenken. Ganz im Gegenteil, eben weil bei den meisten kein Bewusstsein dafür besteht, dass bestimmte Formen von Wettbewerb und Bewerbungsverfahren einen großen Teil an qualifizierten, aber wenig risikobereiten Menschen (insbesondere Frauen) mit weniger Neigung zu Konkurrenzkämpfen abschreckt, muss man über alternative Auswahlverfahren, auch jenseits von Quoten und positiver Diskriminierung (sprich Übervorteilung) nachdenken. Dabei müssen mehrere Kriterien berücksichtigt werden. Neben der Frage der Effizienz und der Outputlegitimation von politischen Maßnahmen, stellt sich natürlich auch die Frage, ob der Prozess als solcher gerecht ist. Zuletzt bleibt zu bewerten, ob die Maßnahmen das Symptom oder die Ursache des Problems beseitigen und ob die Lösung als solche kurz-, mittel-, oder langfristig zum Ziel führt.

 

Auch hierzu liefert die Verhaltensökonomik erste empirische Evidenz. In einer Studie, die in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlicht wurde, hatte ein Forscherteam um Matthias Sutter unter kontrollierten Laborbedingungen in einem Experiment untersucht, in welchem Setting am ehesten dazu neigen in einen Wettbewerb (mit Männern) einzutreten. Ergebnis der Studie war, dass sowohl Quotenregelungen und die Bevorzugung von Frauen bei gleicher Qualifikation einen positiven Einfluss auf die Bewerberinnenquote haben. Die effektivste Methode zur Steigerung des Frauenanteils bei Bewerberinnen war aber das „NRW-Modell“. Dieses sieht vor, dass Frauen auch bei im wesentlichen gleicher Qualifikation, d.h. dass sie auch dann den Zuschlag bekommen, wenn sie geringfügig schlechter als die männlichen Mitbewerber abgeschnitten haben.

Sicherlich ist fraglich, inwieweit solche Fördermaßnahmen den Kriterien der Prozessgerechtigkeit gerecht werden, da um vermeintliche Ungleichheiten auszugleichen, die dominierende Gruppe kritisiert wird und im Auswahlprozess nicht mehr alle Menschen gleich bewertet werden. Daher muss man sich an dieser Stelle auch anschauen, inwiefern unter den verschiedenen Regimen Frauen den Wettbewerb gewonnen haben, die ohne die entsprechende Regelung keine Change gehabt hätten. Hierbei kommt folgendes überraschendes Ergebnis heraus: Alle hier diskutierten Maßnahmen zur Erhöhung der Anzahl der Bewerberinnen haben im Experiment dazu geführt, dass sich vor allem die besonders fähigen Frauen beworben haben. Die Mehrzahl dieser Frauen hätte dabei sogar ohne jedwede Fördermaßnahme sich im Wettbewerb durchgesetzt, sodass die verschiedenen Mechanismen keine größeren Verzerrungen mit sich gebracht haben. Die Interventionen hatten ferner keinen Einfluss auf die Arbeitsleistung der Männer und waren insofern insgesamt effizienzsteigernd.

Nun wäre es aber schlechte Praxis, wenn Laborexperimente herangezogen werden, um eins zu eins politische Maßnahmenpakete daraus abzuleiten, ohne mögliche Limitationen zu diskutieren. Laborexperimente vereinfachen die Realität stark; Ergebnisse, die in Laborexperimente gefunden werden können bisweilen nicht auf die Realität übertragen werden, weil zum Beispiel ein möglicher Imageschaden durch die Implementierung der eine oder der anderen Auswahlpraxis entsteht. Oder weil Frauen, die trotz besserer Qualifikation ein Unternehmen mit Frauenquote schneller als zweite Wahl abgestempelt werden. Was die externe Validität angeht, so sind Experimente zwar sehr gut geeignet sind Präferenzen zu messen, aber nur bedingt geeignet um Institutionen zu testen.

In einer anderen Studien aus dem Quarterly Journal of Economics untersuchten Ahern und Dittmar, wie die Einführung einer gesetzlichen Quote für weibliche Aufsichtsräte in Höhe 40 % in norwegischen Unternehmen im Jahr 2003 sich auf die Performanz einzelner Unternehmen hatte. Das ernüchternde Ergebnis der Studie war: Die Einführung der Frauenquote hat Vermögen in großem Ausmaß vernichtet, sie arbeiten weniger. Allerdings nicht, weil das Geschlecht einen derart großen Einfluss auf die Befähigung der Vorstandsmitglieder hatte, sondern weil der Pool an erfahrenen weiblichen Führungskräften auf der nächst kleineren Führungsebene offenbar so klein war, dass man häufig vor allem unerfahrenere und deutlich jüngere Frauen rekrutieren musste. Förderungsmaßnahmen sind insofern also immer auch im Gesamtkontext zu sehen. Ebenso darf nicht vergessen werden, dass die Studie von Sutter et al. nichts darüber sagen kann, welche Akzeptanz die als Quotenfrauen verschrieben Frauen in Unternehmen hätten.

Um also eine tatsächliche Lösung für das Problem der Unterrepräsentation von Frauen in Führungspositionen und dem damit verbunden Potentialverlust umzugehen, lohnt es sich um die Ecke zu denken. Zum Beispiel haben Healy und Pate (2011) herausgefunden, dass Frauen dann relativ häufig in Wettbewerbe eintreten, wenn sie als Gruppen gegen andere Gruppen konkurrieren oder zusammen mit einem Mann gegen andere antreten. Oft reicht es vielleicht aber auch schon auf, Frauen eine realistische Einschätzung über das Bewerberfeld mitzuteilen und sie zu ermutigen zu kandidieren. Männer fragen, Frauen wollen gefragt werden. Die Studie liefert indes aber keine Ergebnisse hinsichtlich der Zusammensetzung des Teams, sondern beschränkt sich auf Teams mit zwei Personen.

Kulturelle Einflüsse und inwiefern wir sie beeinflussen können

Um das Problem aber an der Wurzel zu packen, muss ein Verständnis dafür vorliegen, warum Frauen zu weniger Risiko neigen und pessimistischer sind als Männer. Hierbei scheinen kulturelle Faktoren die entscheidende Rolle zu spielen. Dies lässt sich an drei Aspekten festmachen. Erstens, sind die Präferenzen von Frauen in Wettbewerbe einzusteigen und Risiken einzugehen nicht in allen Situationen stabil, sondern hängen signifikant davon ab, inwieweit Frauen sich im Moment ihrer Entscheidung über ihr eigenes Geschlecht bewusst sind. Wenn zum Beispiel Frauen deutlich bewusst gemacht wird, dass sie zur weiblichen Hälfte der Bevölkerung gehören, scheuen diese eher Risiken und stellen sich weniger oft wettbewerblichen Situationen, wie beispielsweise Bewerbungen um eine Führungsposition.

Darüber hinaus hat man herausgefunden, dass Frauen dann häufiger in Wettbewerbe eintreten und Risiken seltener scheuen, wenn sie aus einer matrilinearen Kultur (z.B. in einigen kleinen indigenen Völkern in Papua-Neuguinea), in denen die jüngste Tochter das Hab und Gut der Familie erbt und die dadurch seit je her vergleichsweise emanzipiert sind, stammen. In diesem Fall sind keine Unterschiede mehr zwischen Männern und Frauen hinsichtlich ihres Risikoverhaltens erkennbar, während in maskulin-dominierten Kulturen das Gegenteil der Fall ist.

In einer aktuellen Studie erforscht ein Forscherteam um Matthias Sutter, bis zu welchem Alter Mädchen und Jungen gleich gerne in Wettbewerbe eintreten. Dabei kamen sie zu einem schockierenden Ergebnis. Jungen und Mädchen haben, bis zu einem Alter von ungefähr 4 Jahre ähnliche Einschätzungen hinsichtlich ihres Talents und treten ähnlich gerne in Wettbewerbe ein. In einem Alter von vier oder fünf Jahren findet soziales Lernen vor allem durch Imitationslernen nach. Kinder identifizieren sich mit verschiedenen sozialen Gruppen, häufig mit Personen ihres Geschlechts und imitieren das Verhalten ihrer Eltern. Ab diesem Altern lassen sich dann Unterscheide in den Risikopräferenzen zwischen Männern und Frauen erkennen. Eine plausible Erklärung hierfür wäre, dass die Einstellung zu Risiko, sowie die eigene Einschätzung maßgeblich in der Kindheit durch soziale Normen und Erfahrungen geprägt wurden.

Fazit

Viele verhaltensökonomische Studien beschäftigen sich mit den Unterschieden zwischen Mann und Frau hinsichtlich ganz fundamentaler Einstellungen zu Entscheidungen. Dabei sind viele Erkenntnisse, die wir in der Verhaltensökonomik über das Verhalten von Männern und Frauen ziehen häufig Zufallsprodukte. Sie kommen dadurch zustande, dass Wissenschaftler in Untersuchungen zu anderen Fragestellungen zufällig Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen ziehen können. Darüber hinaus bricht die Verhaltensökonomik die allermeisten Fragen rund um das Handeln einzelner Entscheider auf das fundamentale, wesentliche herunter. Dadurch ist es ihr möglich einzelne Präferenzen und Charakteristika von Menschen isoliert im Labor zu testen. Dadurch ist es möglich, auch außerhalb gängiger kultureller Kontexte, robuste Ergebnisse darüber zu erhalten, was Frauen von Männern in ihrem Verhalten und in ihren Bedürfnissen unterscheidet. Sie ist daher eine Wissenschaft, die durchaus aufgrund ihres formalen Vorgehens Objektivität in Genderdebatten bringen kann.

Zahlreiche großangelegte verhaltensökonomische Studien haben dabei empirisch gezeigt, dass Frauen und Männer in manchmal ein kleines bisschen anders ticken, wenn es darum geht, ob sie anderen Menschen Vertrauen, wie geduldig sie sind und insbesondere wie schnell sie bereit sind Risiken einzugehen. Gleichsam gilt, dass in unserem Alltag die Unterschiede zwischen Männern und Frauen massiv überschätzen werden. In einigen Experimenten konnten sogar keine signifikanten Unterschiede im Verhalten von Männern und Frauen und damit zusammenhängend in den vermutetet Präferenzen von Männern und Frauen gefunden werden konnten. Wir Menschen ticken also, zumindest was die allermeisten unsere grundlegenden Präferenzen angehen, gar nicht so unterschiedlich und unser Geschmack wird viel mehr durch unsere Erziehung und andere individuelle Einflussfaktoren bestimmt, als durch unser Geschlecht. Dabei ist zu beachten, dass viele Präferenzen sich relativ früh in der Kindheit herausbilden und sich dann nur relativ langsam verändern. Ein ängstlicher Mensch wird nur sehr selten zum Draufgänger und umgekehrt.

Die größten experimentell gemessenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen bestehen darin, wie viel Männer und Frauen sich zum Beispiel bei Aufgaben zutrauen und wie sehr sie bereit dazu sind in Konkurrenzkämpfe einzutreten und Risiken einzugehen. Erste internationale Studien, die das Verhalten von Männern und Frauen in verschiedenen Kulturkreisen analysiert haben, zeigen aber auch auf, dass gerade die Frage, wie viel sich eine Frau zutraut und wie bereitwillig sie Risiken eingeht und konkurriert, vor allem auch eine kulturelle Frage ist. Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch empirische Evidenz, dass sich schon sehr früh die Verhaltensunterschiede zwischen Jungen und Mädchen in ihrem Umgang mit Risiko und Wettbewerbssituationen herausbilden. Dies ist dann besonders dramatisch, wenn es darum geht, dass sich häufig qualifizierte Frauen sich gar nicht trauen sich auf Führungspositionen zu bewerben. Hier gilt es auf Unternehmensebene, in der Gesellschaft und vielleicht auch in der Politik sinnvolle Lösungen zu finden. Anfangen sollten wir als Gesellschaft schon einmal damit, Frauen mehr zuzutrauen und Mädchen schon im Kindergarten ermuntern sich durchzusetzen und die Führungsrolle zu übernehmen. Wahrscheinlich hätte es schon einen sehr großen Effekt, wenn wir endlich aufhören würden, Mädchen zu lehren immer bescheiden zu sein und Erfolge nicht an die große Glocke zu hängen und anfangen würden, Jungen zu erklären, dass es durchaus normal ist gegen ein Mädchen zu verlieren.

Wer wirklich will, dass Frauen und auch Männer ihre eigene Persönlichkeit ausleben können, muss anfangen zu hinterfragen, wie oft wir als Gesellschaft Menschen immer noch in oft unpassende Rollen drängen und damit maßgeblich ihren Lebensweg festlegen und das oft auch schon zu einem Zeitpunkt, an dem Menschen noch nicht einmal wissen, was ein Geschlecht ist.

 

Lisa ist Jahrgang 1991, promoviert im Bereich Verhaltens- und Vertragsökonomie und verbringt ihre Freizeit sehr gerne in der Politik und mit Freunden bei einem Glas guten Wein oder beim Snowboardfahren in den Bergen.

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